Vom Rauschen und Brausen

Vorwort zum Text im Internet des Jahres 2024

Pflanzenwelt

Stärke

Begleitschreiben

Aneignung des Diversen durch die Undiversen

Verabschiedung eines Ehrengastes

Verschwörungstheorie

HundebesitzerInnenperspektive

Terrasse

Diode

Gleichnis

Vom Rauschen und Brausen

Vorwort zum Text im Internet des Jahres 2024

Die Sammlung von Texten, von denen hier eine Auswahl veröffentlicht ist & die mit dem titelgebenden Essay endet, war der schriftliche Teil meiner Diplomarbeit aus dem Jahr 2021. Der Essay wurde im tiefsten Keller der Linzer Postcity verlesen, bevor die eigentliche Ausstellung hinter dem blauen Vorhang betreten werden konnte.
Was der Text der Kunst sagen wollte: Hör auf, die Philosophie zu deiner Rechtfertigung zu missbrauchen. Du kannst auch ohne sie sein & wenn dir das gelungen ist, werdet ihr euch vieles zu sagen haben.

Pflanzenwelt

Dieser Text muss damit beginnen, dass ihn das Werk nicht braucht, ebenso wie es mich nicht braucht.

Wofür könnte ihn das Werk überhaupt brauchen?

Wer den Text liest, kann beurteilen ob das Kunstwerk wichtig ist oder nicht.
Da es heute viele Kunstwerke gibt ist das notwendig.

Der Text enthält auch wichtige Informationen, die der Betrachterin Halt an der sonst inerten Oberfläche des Kunstwerks bieten.
Er stellt klar, inwiefern das Kunstwerk sich auf sie und ihr Leben bezieht und schließt eventuelle Fehlinterpretationen aus.

In diesem konkreten Fall haben wir es mit vielen organischen Formen zu tun.
Organische Formen verweisen auf die Pflanzenwelt, die wiederum auf das Klima verweist, das uns bekanntlich alle betrifft.

Folglich auch unsere Betrachterin.

QED

Das war einfach.

So ist auch ausgeschlossen, dass dieses Werk als rechte Propaganda missverstanden wird.

Darauf sollte man immer achten.

Stärke

An der Unterseite ist mit Bleistift eine sechs oder neun geschrieben.

Ich richte das Regal wieder auf.
Und den Couchtisch.
Die Beine sind locker und weisen nach außen.
Wie Bambi, das auf dem Eis kreiselt.

Es ist unbefriedigend viel Schleim mit wenig saugfähigem Material zu entfernen.
Sich in das Gefühl fallen zu lassen funktioniert nicht, es fehlt etwas.
Irgendetwas, dann ginge es. Wischen, falten, wischen, mehr schieben als binden.

Mancherorts ist es bereits verkrustet.
Ich verwende den Ceranfeldschaber und mache einen Kratzer in die Edelstahloberfläche des Dunstabzugs.
Auch in den Schiebeschaltern ist es fest.

Der Küchenboden ist weiß angestaubt.
Ich versuche den Staubsaugerschlauch wieder zu befestigen.
Es ist scheinbar ein Plastikschnapper abgebrochen.
Ich suche Gewebeband.
Es gibt nur transparentes Tixo in feinsten Streifen, verteilt auf mehrere fast leere Rollen.

Ich schiebe den Schleim mit dem Scheibenabzieher über den Boden.
Der Schleim vermischt sich mit Haaren und Staub.
Etwas schabt über den Boden und ich hebe den Abzieher.
Zwischen Boden, Abziehgummi und Haaren bildet sich für kurze Zeit eine transparente Haut.
Ich bin wieder da.

Auf dem Parkett, in einen Spannungshügel gebettet, liegt etwas Kleines und Schwarzes.
Ein Plastikschnapper.

Die Polstermöbel, werden die anderen sagen, muss man entsorgen.
Ich glaube man muss sie nur nass reinigen.
Oder warten bis man alles abbürsten kann oder vielleicht ganz in Schollen herunterbrechen.
Es ist immer leichter wenn sich keiner einmischt.

Die Elektroden kann man wiederverwenden, sie kleben dann nur nicht mehr so gut.

Der Griff des Lötkolbens ist auch schon trocken.
Die Fuge zwischen Hartplastik und Silikoneinlagen ist lückenlos gefüllt.
Ebenso fünf Löcher der Steckplatine.
Es ist auch etwas zwischen die Lötdrahtwindungen gekrochen.

Ich stelle den halbleeren Kartoffelstärkekarton wieder ins Regal.
Auch den Salzsack.
Die Edelstahlschüssel wird mit Wasser gefüllt,
das muss erst einziehen.

Verschwörungstheorie

Die Kunstuniversität ist in erster Linie eine Institution, eine verkrustete, bei genauerer Betrachtung, (hier wäre ein “jedoch” fehl am Platz) eine perfekt funktionierende, sich selbst regulierende.
(Man stelle sich eine Haftanstalt vor, in der bis in die Direktion die gesamte Belegschaft aus Insassen besteht)

Niemand stellt Fragen, wenn in einer staatlichen Institution Protestworkshops veranstaltet werden.
Auch nicht bei Kursen, in denen es darum geht Manifeste zu schreiben.
Manifeste für wasauchimmer, einfach um die Manifestenergie abzuleiten.

Auf diese Weise können sich eine Vielzahl an Personen bei minimalem Materialaufwand die Hörner abstoßen um danach optimal in den Kulturbetrieb eingegliedert zu werden.

Wir lernen es Fahrräder zu reparieren, feministischen Krawall zu veranstalten und nebenbei auch noch ein paar individuell gestaltete Einrichtungsgegenstände an reiche Leute zu verkaufen.
Auch Sprayer werden bei uns domestiziert, auf mobile Bildträger umgeschult und mit Awareness ausgestattet.

Allein das Reinigungspersonal wird bisweilen skeptisch, weshalb auch peinlich genau auf getrennte Aufenthaltszeiten geachtet wird.

Nur manchmal, wenn manche es mit dem Ausschweifen zu genau nehmen und zu den unmenschlichen Reinigungspersonalzeiten von diesem aus dem Atelier gekehrt werden, kommt es zu rätselhaften Begegnungen.

Terrasse

Man darf den Bruch, das Zurückkehren in die Zivilisation, oder die Welt der Menschen, nicht unterschätzen.
Wenn er unvorbereitet passiert, steht man auf einmal da wie ein Obdachloser oder sonst eine inakzeptable Person.
Man steht also pathologisiert da, wenn man es nicht schafft unbemerkt an der Welt vorbeizuhuschen.
Wie der eine Obdachlose, der gerade aus seiner Unterkunft unter der überhängenden Terasse des Imperialoderso Hotel vertrieben wurde. Ihm wurde ein C-Schlauch angedroht. Von einem der normalerweise “eh ein guter Haberer” ist. Wir zarten Seelen schütteln daneben den Kopf. Aber wir wissen auch nicht wie es ist eine Terrasse zu besitzen. Wahrscheinlich kann man keine Terrasse besitzen ohne die dazugehörige eiserne Hand, zumindest keine freischwebende.

Am Tag davor waren wir bei den Windrädern in St.Pölten.
Wir sind extra auf dem Weg nach Linz von der Autobahn abgefahren und durch einen nassen Tunnel gekrochen.
Der Tunnel war rechteckig, sodass man gebückt darin stehen konnte und voller riesengroßer Spinnen.
Als wir im letzten Drittel waren ist der Zug neben uns vorbeigeschossen. Wir haben das Licht des Handys ausgemacht. Ich bin, glaube ich, noch nie so nah neben einem vorbeifahrenden Zug gestanden.
Danach waren wir bei den Windrädern.
Die Windräder verändern sich nie.

Vom Rauschen und Brausen

Ein Teil der obigen Texte ist aus einer Abwehrhaltung, man könnte sagen aus Ressentiment entstanden.
Einem Ressentiment im Sinne von: “Seht, was passiert, wenn man die Sprache zwingt, sich um die Kunst zu wickeln.”

Dementsprechend sind sie sicher nicht frei von Zynismen, endlos zerkauten Themen, blöder Polemik, etc.
Wenn es etwas in ihnen zu finden gibt, dann auf der Ebene des Sich-Zeigens.

Und vielleicht als Widerstand gegen eine Welt, die sprachliche und politische Inhalte, Multimedialität, Interaktivität, Partizipation, etc, voraussetzt, hängen hier auch einfach nur Bilder & stehen Skulpturen herum.
Und die Aussage könnte sein: es ist genug.

Beim Rückwärtsblättern werden immer die rechten kurz vor ihrem Bedecktwerden von den Reflexionen der linken Seiten noch einmal erhellt.
Dieses Schauspiel erlaube ich mir noch einige Male bevor ich das Licht lösche um dann mehrere Stunden schlaflos im Bett zu rotieren.

Der Titel stammt aus Wittgensteins logisch-philosophischer Abhandlung. Er ist mir wieder eingefallen, als ich gerade entlang der Traisen die Weiden und den Himmel betrachtet, sowie eine Lupe zerschlagen habe.

Das Rauschen und Brausen ist einem Zitat von Ferdinand Kürnberger entlehnt, das W. seinem Text als “Motto” voranstellt.
Insgesamt zitiert W.:

“…und alles was man weiß, was man nicht bloß Rauschen und Brausen gehört hat, lässt sich in drei Worten sagen.”

Das Rauschen und Brausen, so könnte man daraus schließen, ist das, was sich nicht in drei Worten sagen lässt.

Im ersten Moment könnte man es es vielleicht für ein Begriffspaar wie etwa Subjekt & Objekt oder Innen & Außen halten. Bei genauerem Hinhören stellen sich das Rauschen und das Brausen als zwei jener Begriffe heraus, von denen nie ganz klar ist, ob sie sich synonym verwenden lassen oder nicht.

Zwei Begriffe, die vielleicht, aber eben auch nicht sicher dasselbe bedeuten, sich womöglich gegenseitig aufheben, vielleicht auch verstärken.

Ein Entgriff, ein Unkonzept
Ein Abschiedsgruß der Sprache.

Das was ich mache, weiß ich gerne als Dichten verstanden. Insofern, dass immer, wenn sich in meinem Tun etwas tut, es dann passiert, wenn sich irgendetwas verdichtet hat und natürlich können sich auch die Durchlässigkeit und die Leichtigkeit, auch die Ferne im Kunstwerk verdichten.
Und mehr als eine Verdichtung kann man im Rauschen und Brausen ohnehin nicht verlangen.
Hannah Arendt bezeichnet das Dichten als die “menschlichste und unweltlichste” Kunstform, da sie es dem Denken, das für sie sprachlich funktioniert, am nächsten sieht. Es ist mir nicht vollkommen klar, was Sprache für sie in diesem Kontext bedeutet, aus meinem eigenen Kopf weiß ich aber, dass das Denken oft in Formen und Farben vor sich geht, und auch der Umstand, dass “das Denken unterbrochen werden muss, um das Gedachte in die Welt zu bringen” (Va206) erscheint weit weniger zwingend, wenn das Denken direkt zwischen Denkendem und Welt verortet wird, wenn es beständig zwischen beiden umherschwingt, so wie es in der Kunst der Fall ist.
Wenn ich bildhaue, verwirkliche ich vielleicht kurzfristig Intentionen, die in meinem Kopf schon vorhanden waren, bin aber auch mit jedem Schlag mit einem neuen Weltding, mit einem neuen Objekt konfrontiert, das diese sofort wieder in Frage stellt und mir stattdessen etwas anderes zeigt, auf das ich womöglich alleine nie gekommen wäre.

Man könnte sich fragen: liegt das an seinem eingeschränkten Vorstellungsvermögen? Die Antwort wäre wahrscheinlich: Ja.
In Michael Köhlmeier’s Nacherzählungen der griechischen Schöpfungsmythen, mit denen ich aufgewachsen bin, war oft vom Menschen als lernfähigem Versager die Reden - Also einem, der nichts wirklich gut kann, sich dafür aber alles irgendwie richtet.
Es muss ein kritischer Moment sein, an dem das Leben beginnt, seine Spuren in der Welt wiederzuerkennen und sich auf diese Weise in sie einzuschreiben; auf diese Weise beginnt, durch sie, auf und mit ihr zu denken.

All das ist ein alter Hut.
Auch das verwenden von W.s Grenzen der Sprache, oder seines Sich Zeigens durch die Kunst, das schon in den 50ern durch die Wiener Gruppe und dazwischen sicher zahllose Male stattgefunden hat.

Die Unterscheidung zwischen Neuem und Bestehendem darf
“[…]mit Sicherheit nicht auf relative, historische Art und Weise begriffen werden, als ob die geltenden Werte zu ihrer Zeit neu gewesen wären, und als ob die neuen Werte bloß Zeit bräuchten um sich häuslich einzurichten. […] In seiner Macht des Anfangs und Neuanfangs bleibt das Neue immer neu, wie das Bestehende von Anbeginn alteingesessen war, selbst wenn es etwas empirische Zeit dauerte, bis man es anerkannte.”" (Deleuze, Differenz und Wiederholung,S.177)

Was hier steht, erhebt also nicht den Anspruch etwas “Neues” zu sein, ist also altmodisch, bzw. modern, zumindest also nicht neuer, als es immer schon gewesen ist.

Das Neue kann problemlos in einer steinalten Technik und Präsentationsform in Erscheinung treten.
Das Rauschen und Brausen ist also ein alter, bzw. neuer Hut.

Jeder will das letzte Wort vor der Stille haben.

Was die Verbindung zu Wittgensteins Genanken, abgesehen von Kürnbergers Wortschöpfung knüpft, ist eine grobe Form seines Werks, die exemplarisch für das Gerede zugunsten des Schweigens stehen kann.

Ein weiterer Aspekt dessen worum es geht: Die Kunst soll vom Intellektuellen, vom Gerede befreit werden.
Die Kunst hat, anders als die Musik, die diesem eher zu entkommen vermag, in unserer Gesellschaft fast unweigerlich den faden Beigeschmack des Intellektuellen.

Irgendwann wird dieses Intellektuelle schon etwas “Neues” gewesen sein, jetzt ist es aber zu einem Zwang geworden, einer überbordenden Antithese zur Forderung Kunst müsse “schön” sein.
Schlussendlich sind beide Forderungen gleichermaßen kleinlich, und ein Zeugnis der Angst der Kunstschaffenden vor jenen, die der Meinung sind, “dass sie das ja auch könnten”.

Worum es also geht, ist der Umstand, dass die Kunst etwas viel Einfacheres ist, als es viele vielleicht gerne hätten.

Und jetzt aus der praktischen Perspektive: Was waren die Momente an denen ich, in Hinblick auf die Rezeption mit meinem Werk zufrieden war?
Es waren Momente, in denen jemand mir gesagt hat: “Was ich darin alles sehe” oder “ein seltsames Gefühl, dass man da bekommt”, oder einfach nur ein Verweilen.
Das sind alles Momente, so scheint es mir, die mit intellektuellem Erfassen oder Begreifen wenig zu tun haben.

Der Moment in dem die Kunst funktioniert, also in dem etwas passiert, in dem die Sehstrahlen der Betrachterinnen in den Fasern, den Widerhaken des Werkes sich verfangen, ist der um den es geht.

Auch in diesem letzten Text ist wieder nichts über die ausgestellten Werke zu lesen.
Dieser Text bezieht sich also wieder nicht auf das Kunstwerk, sondern auf die es umgebende Welt, in der es erscheint und in die es sich eingliedern will.

Wie aber könnte das Schreiben über die Kunst aussehen?

“Man wiederholt ein Kunstwerk als begrifflose Singularität, und nicht zufällig muss ein Gedicht par coeur gelernt werden. Der Kopf ist das Organ der Tauschakte, das Herz aber das in die Wiederholung verliebte Organ.
Die Sprache der Wissenschaft, vom Gleichheitszeichen beherrscht, in der jeder Term durch andere ersetzt werden kann; und die lyrische Sprache, in der jeder Term unersetzbar ist und nur wiederholt werden kann.” (Deleuze, Differenz und Wiederholung,16)

Die “Sprache”, so wie der Begriff hier verwendet wird, bezeichnet die Sprache der Wissenschaften, wohingegen die einzige Möglichkeit tatsächlich “über” das Werk zu schreiben im poetischen wiederholen dessen bestünde, was da ist.

Dieses poetische Wiederholen sehe ich auch in dem, was Sontag von der Kritik fordert:
“What is needed, first, is more attention to form in art […] a descriptive, rather than prescriptive vocabulary - for form” (Sontag, Against Interpretation, 12)

(Ein wirklich beschreibendes Vokabular, wäre das nicht eines, das das zu Beschreibende auf andere Weise wiederaufleben lässt?)

& warum steht dann hier nicht einer dieser poetischen Texte?
Aufgrund der Beschaffenheit der Welt.
Weil die Welt sich dermaßen in ihr Bedürfnis nach Erklärungen verkrallt hat, dass sie das Poetische nur als Variation des Wissenschaftlichen verstehen würde.
& woran erkennt man, dass die Welt so ist?
Daran, dass sie einen Text zur Rechtfertigung eines Kunstwerkes verlangt.

Ein weiteres Paradox: die Welt ist nicht bereit für einen Text zur Kunst, weil sie einen (und eben nicht einen solchen, sondern ein Formular) verlangt.

Die Welt soll ihre Texte bekommen, wenn sie bereit ist, das Kunstwerk als etwas wahrzunehmen, das sich zeigt, als etwas, das nicht auf ein Objekt in der Welt verweist, sondern etwas, das ein Objekt in der Welt ist.

“Transparence is the highest, most liberating value in art - and in criticism - today. Transparence means experiencing the luminousness of the thing in itself, of things being what they are.”(Sontag, Against Interpretation, 12)

Die Welt soll ihre Texte bekommen, wenn sie sie nicht mehr braucht.